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Projektskizze «open source mapping»

(die /ProjektSkizze inkl. anhang als [pdf])

Während die Verwendung von Karten und die Visualisierung von Prozessen, die sich auf räumliche Strukturen abbilden lassen, in den letzten Jahren zu einem festen Bestandteil kultureller, politischer und sozialer Praxen geworden ist [wie die Karte Soziale Landschaften der Aktion Mensch, der Atlas der Globalisierung von Le Monde Diplomatique und im weiteren Sinne die Organigramme des Bureau d’Études] sind geographische Karten und die ihnen zugrunde liegenden Daten in der Regel unter staatlicher oder kommunaler Kontrolle erstellt und werden kommerziell vermarktet. Sie sind also alles andere als Allgemeingut: weiterverwendbares, digitales Kartenmaterial von den staatlichen Kataster- und Geoinformationsämtern ist nur für beträchtliche Summen käuflich zu erwerben und steht anschließend auch nicht zur freien Bearbeitung und Weiterentwicklung Dritter zur Verfügung.

Gleichzeitig werden diese Karten landläufig immer noch als objektive, tatsächliche Darstellung räumlicher Gegebenheiten verstanden. Dabei sind Karten immer auch kulturelle Produkte, Abbilder von Macht und Ordnung; mehr manipulativ und verschleiernd, als wahr oder neutral. Karten müssen aber nicht dem (vergeblichen) Anspruch einer objektiven Weltbeschreibung folgen: sie können vielmehr subjektiv, provisorisch, spekulativ und temporär sein, mit ihnen können Wünsche, antagonistische Entwürfe oder Spuren von Benutzung, Aneignung und (Selbst-)Organisation visualisiert (sichtbar) gemacht werden. Die Formen des Mapping eignen sich gut, um die Sichtweisen räumlicher, insbesondere urbaner Strukturen zu verändern und erweitern.

Schnitt. Eine Person bewegt sich eine Woche lang durch den urbanen Raum, in seinem Stadtteil auf dem täglichen Weg zwischen zwei Orten, umherschweifend ohne festes Ziel oder in einem besonderen Bereich ihrer Interessen und Aktivitäten. Am Ende der Woche nimmt sie den GPS*-Empfänger, der sie in dieser Zeit begleitet hat, aus dem Rucksack und verbindet das Gerät mit einem Computer. Der Empfänger hat in dieser Woche alle Bewegungen als Vektordaten aufgezeichnet, diese Daten können nun auf den Rechner überspielt und dann von Hand mit zusätzlichen Informationen ergänzt werden: Orts- und Straßennamen, persönliche Anmerkungen, Fotografien oder Symbole, die mit bestimmten Punkten auf der Grafik verbunden werden. Diese Daten werden dann auf einen öffentlichen Speicher (Repository) im Web übertragen und können dort mit anderen Daten verbunden werden oder von Dritten weiter bearbeitet oder benutzt werden. So sammeln sich, mal überlappende oder mal weit auseinander liegende Karten, die Stück für Stück zu einer fragmentarischen Kartenmenge zusammen wachsen.

Ausgehend von diesem Beispiel wollen wir ein Projekt starten, dass die kollaborative und offene Kartografierung von urbanen Räumen als Idee vorstellt. Als best-practice soll in Hamburg, beginnend mit dem Stadtteil Altona (genauer Altona-Altstadt und Ottensen, den Quartieren in denen wir leben) urbaner Raum kartografiert und die entstehenden Daten im Netz veröffentlicht werden. Motivation für dieses Projekt ist unser Kontext und bisherige Praxen und Projekte, an denen wir beteiligt waren. Projekte, die immer wieder auch an den Punkt einer räumlichen Visualisierung und der Nutzung von Kartenmaterial gelangten. Daraus entwickelte sich der Wunsch nach frei verfügbarem Kartenmaterial. Diese Karten sollen nicht (nur) genutzt werden, um die offiziellen Karten nachzubilden, sondern vor allem als Ausgangsmaterial für die Erstellung, Erweiterung oder Verfremdung von Kartierungen dienen. Karten also die nicht nur einen frei verfügbaren Ersatz darstellen, sondern die hoheitlichen Definitionen mit ihren Festschreibungen von Grenzen und Orten in Frage stellen.

Inspiriert wurden wir von einem Thread in der Mailingliste wlan-news [1] aus dem Kontext der Initiative freifunk.net. In dem Posting wurde von einem passionierten Fahrradfahrer berichtet, der in Eigeninitiative und mit Hilfe eines GPS-Empfängers große Teile der Stadt Berlin kartografiert hat. Die Ergebnisse wurden von ihm unter der GPL*-Lizenz im Netz veröffentlicht und können nun von anderen benutzt und weiterentwickelt werden.

Konkret bieten sich lokale Anknüpfungspunkte an, von denen wir uns eine Kooperation erhoffen oder an denen wir selber beteiligt sind: # Zum einen Initiativen zum Aufbau und Nutzung freier Funknetze [wie z.B. http://hamburg.freifunk.net], die den Versuch darstellen, auf der Ebene der physikalischen Netzwerkstruktur eine nicht kommerzielle, offen nutzbare und gemeinschaftliche entwickelte Alternative zu etablieren. Diese Initiativen sind dabei gewissermassen auch ein Ansatz zur Neubewertung des öffentlichen Raums, insbesondere in seiner medialen Ausprägung. # Desweiteren entwickelt der Altonaer Computer Club [2] derzeit ein einfaches Websystem für Initiativen und Projekte. Ein Modul, map und click genannt, soll die einfache Positionsbestimmung auf einer Karte ermöglichen. In beide konkrete Projekte ließe sich die Idee des freien Mapping anwendungsbezogen integrieren. # Nicht zuletzt ist diese Projektskizze auch von der Teilnahme an dem Projekt Mapping a City. Hamburg-Kartierung der Galerie für Landschaftskunst [3] und des Hamburger Kunstvereins [4] beeinflußt. Sie ist als konsequente Weiterentwicklung der dabei begonnenen viertelbezogenen Auseinandersetzung mit Hamburg Altona und dem persönlichen Lebensumfeld zu sehen.

Das freie Kartenmaterial könnte in den verschiedensten Kontexten Anwendung finden: # für soziale und kulturelle Projekte # zur Visualisierung der eigenen Praxis # für die Abbildung von Absichten, Aussagen und Erzählungen # zur freien Veränderung, Abstraktion oder Manipulation # zur Erweiterung mit zusätzlichen Informationsebenen # für die kollaborative Erstellung und den Austausch von Datenmaterial.

Praktisch soll das Projekt in mehreren Schritten entwickelt werden: [1] Die Anschaffung von 2-3 GPS-Empfängern (welche an verschiedenen, auch stadtteilbezogenen Stellen ausleihbar sein werden und somit eine offene Beteiligung an dem Projekt ermöglichen) [2] Der Aufbau einer Website sowie einer Mailingliste, um die Idee zu propagieren, die technischen und praktischen Vorgänge zu beschreiben und nachvollziehbar zu machen (z. B. in Form eines Handbuchs zur eigenen Anwendung) und um die entstehenden Daten abzubilden [3] Die Entwicklung eines öffentlichen, webbasierten Repositorys für die Ablage und den Austausch der Karten. Mit diesen Maßnahmen soll die Idee außerhalb unseres Kontextes getragen und zur Beteiligung aufgefordert werden.

Wir wollen dabei nicht in zäher Kleinarbeit eine «genaue» Karte Hamburgs nebst Ampelschaltungen und Qualität der Radstrecken erstellen. Wir erhoffen uns von dem Projekt vielmehr einen Anstoß für eine kollaborative und offene Praxis, zu der viele etwas beitragen können: von der Abmessung der eigenen Wege bis hin zur gezielten Kartografierung eines Terrains im Zusammenhang ortsspezifischer Praxen. Die Karten die so entstehen, werden auch ein Abbild aller Beiträge sein, vielleicht ungenau oder unvollständig, aber frei nutzbar, samplebar, umwidbar, erweiterbar (und somit all das, was zur Zeit mit offiziellem und/oder kommerziellem Kartenmaterial nicht möglich ist). Insofern verstehen wir unsere Initiative – durchaus auch im Sinne des Wettbewerbs – als Zelle, die eine gesellschaftlich und kulturell relevante Entwicklung, auch über unser lokales Bezugsfeld hinaus, bewirken möchte. Gleichzeitig erhoffen wir uns von dem Projekt die praktische Auseinandersetzung mit Kernfragen der Visualisierung von Räumen: «Wer hat die Macht zu entscheiden, welche Methoden der Kartierung eingesetzt werden, welche Dimensionen werden dafür ausgewählt, wie sind die Schnittstellen gestaltet, die dem Betrachter angeboten werden?» (Lev Manovich); wie lassen «sich die Beziehungen zwischen Subjekten und Orten abseits des organisierenden Gesetzesprinzips neu erfassen»? (Iris Rogoff)

Der öffentliche Raum erfährt eine zunehmende Mediatisierung durch vernetzte, elektronische Kommunikation, mit dem Mobiltelefon als bekanntesten und verbreitetsten Vorboten. Einschlägige Hyperwörter wie locative media, pervasive computing oder mixed reality versuchen die weitere Entwicklung einer allgegenwärtigen Durchdringung zu benennen. Die freie Verfügbarkeit von Kommunikationsinfrastrukturen und die Entwicklung von offenen Proto­kollen, Archiven und Software sind zentrale Aspekte für eine emanzipative, selbstorganisierte Nutzung und der Entwicklung geeigneter Handlungsperspektiven im öffentlichen, urbanen Raum. Die frei zugängliche Nutzung von Kartographie ist eine mögliche Praxis in diesem Feld. Das Projekt will einen Beitrag leisten, diese zu entwickeln.

Malte Willms und Ulf Treger


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